Nuraghen auf Sardinien – Magie, Macht und das Rätsel aus Stein

Nuraghen auf Sardinien – Magie, Macht und das Rätsel aus Stein

Ich stehe da. Vor mir türmt sich ein grauer Koloss aus Stein. Kein Pomp. Kein Prunk. Keine Erklärung. Nur steinernes Schweigen – seit über 3.000 Jahren.

Ein Steinhaufen? Von wegen!

Was aussieht wie das Werk einer besonders motivierten Gartengruppe der Bronzezeit, ist in Wahrheit eines der größten ungelösten Rätsel des Mittelmeerraums: die Nuraghen. Über 7.000 dieser uralten Türme stehen über ganz Sardinien verteilt, mal stolz auf einem Hügel, mal versteckt in Macchia und Geröll, und sie schweigen. Bis heute.

Warum hat eine vorgeschichtliche Kultur so viele dieser Bauwerke errichtet? Was war ihre Funktion? Und wie zum Geier hat man ohne Mörtel und Maschinen tonnenschwere Basaltblöcke so kunstvoll übereinandergestapelt, dass sie heute noch stehen?

Ich nehme dich in diesem Beitrag mit zu einem Ort, der mehr Fragen stellt als er Antworten gibt, aber genau deshalb so faszinierend ist.

Was ist eine Nuraghe und warum gibt es Tausende davon auf Sardinien?

„nur“ – das klingt fast schon liebevoll. Und tatsächlich kommt der Begriff „Nuraghe“ vom sardischen Wort für Hügel oder großen Steinblock. Manche Sprachforscher führen ihn auch auf das punische nura zurück (Licht oder Feuer). Klingt geheimnisvoll? Wart’s ab.

Eine Nuraghe ist kein Haus. Kein Tempel. Kein Turm im klassischen Sinne. Und doch ist sie irgendwie alles auf einmal und noch viel mehr. Diese rätselhaften Steingebilde, meist in Form von Kegeltürmen aus riesigen, unbehauenen Basaltblöcken, entstanden zwischen 1800 v. Chr. und ca. 500 v. Chr. Also zu einer Zeit, als in Ägypten noch Pharaonen auf Thronen saßen und in Mykene goldene Masken getragen wurden.

Überall und nirgendwo: Die Verbreitung der Nuraghen

Und jetzt wird’s wild: Auf Sardinien sind heute über 7.000 Nuraghen kartiert, aber Archäologen vermuten, dass es ursprünglich über 10.000 gewesen sein könnten. Die Türme findest du fast überall: In der Gallura, halb von Korkeichen umarmt. Auf der Hochebene von Abbasanta, zwischen Schafen und Stille. In der Ogliastra, versteckt in Wäldern.

Mein Tipp: Auf der Website sardegnarcheologica.it gibt’s eine interaktive Karte. Sie ist perfekt, um deine Route zu planen .

Die Typenvielfalt – von Mini bis Megafestung

Nicht jede Nuraghe ist gleich. Es gibt:

  • Einfache Turm-Nuraghen: Meist um die 10–15 m hoch, mit einer Tholos-Kuppel im Inneren.
  • Mehrturmanlagen: Zwei bis fünf Türme, oft durch Mauern verbunden wie eine kleine Festung.
  • Komplexe Nuraghen-Dörfer: Ganze Anlagen mit Wehrmauern, Brunnen, Hütten, Versammlungskreisen.

Einige davon sind strategisch auf Höhen gebaut, mit Sichtkontakt zur nächsten, wie ein steinzeitliches Kommunikationsnetzwerk.

Nuraghenkunde kompakt (Merk dir diese Begriffe!)

Tholos: Gewölbte Steinkuppel im Inneren, ganz ohne Bindemittel gebaut.
Bronzezeit: Zeitspanne zwischen 2200–800 v. Chr., in der Metallverarbeitung revolutionär war.
Megalith: Riesenstein – typisch für prähistorische Bauten.
Korridor-Nuraghe: Frühform mit horizontalem Gang, später durch Turmbauten ersetzt.

Steinzeit-Hightech – Wie Nuraghen gebaut wurden und was wir (nicht) wissen

Stell dir vor: kein Zement, kein Kran, kein Eisen. Und trotzdem stehen diese gewaltigen Türme seit über 3.000 Jahren. Wie das? Die Nuraghen wurden in Trockenmauertechnik errichtet, wobei riesige Basaltblöcke, millimetergenau gestapelt wurden. Stabilität? Reine Schwerkraft. Innen: spiralförmige Rampen, steile Treppen und die legendäre Tholos-Kuppel, ein steinernes Gewölbe ganz ohne Mörtel.

Und das ohne Rad oder Flaschenzug? Wahrscheinlich mit Hebeln, Holzrollen oder Schlitten. Ganz sicher weiß es niemand. „Jede Nuraghe ist wie ein eingefrorener Gedanke – wir wissen nur nicht, welchen.“Prof. Alessandro Usai.

Torbogen aus großen Basaltblöcken als Eingang in eine Nuraghe
So massiv wie meisterhaft. Der Eingang zeigt, wie präzise die Nuragher ihre Steine ohne Mörtel gefügt haben.

Seit jeher gibt es auch Streit unter den Archäologen: Was war das eigentlich? Die einen sagen: Festung. Die anderen: Kultort. Wahrscheinlich beides, und doch mehr. Aktuelle Forschungen (Stand 2025) zeigen: Viele Nuraghen wurden mehrfach umgebaut und unterschiedlich genutzt.

Was die Nuraghen wirklich waren? Noch immer ein Rätsel. Aber architektonisch sind sie echte Meisterwerke und Zeugnisse einer Kultur, die ihrer Zeit weit voraus war.

Infobox: Die Bauphasen von Nuraghen im Überblick

1. Frühe Nuraghen (ab ca. 1800 v. Chr.): Einzelturm, niedriger Bau, teils noch mit Korridor
2. Klassische Nuraghen
(ca. 1500–1200 v. Chr.): Turm mit Tholos, oft mit Spiralgang
3. Komplexe Nuraghen
(ca. 1200–900 v. Chr.): Mehrtürmige Anlagen, Mauern, Dörfer
4. Spätphase
(ab ca. 900 v. Chr.): Teilweise Umnutzung als Kultstätte oder Wohnort

Doch egal, wie perfekt sie gebaut sind,  die größte Faszination der Nuraghen beginnt dort, wo die Wissenschaft keine Worte mehr findet.

Mythen und Mächte aus Stein: Nuraghen zwischen Legende und Identität

Sardinien wäre nicht Sardinien, wenn sich um seine Steine nicht auch ordentlich Magie ranken würde. In alten Erzählungen sind die Nuraghen keine Ruinen. Sie sind Tore zu anderen Welten, Verstecke für Schätze oder das Werk von Riesen. Ja, Riesen! In der Volkskunde heißen sie „giganti“, und man sagt, sie hätten die Türme gebaut. Stein auf Stein, mit bloßen Händen.

Andere Mythen erzählen von unterirdischen Gängen, die Dörfer verbinden. Oder von Stimmen, die in den Mauern leben. Ob das stimmt? Wer weiß. Aber wenn du mal allein in einer Nuraghe stehst, wirst du merken: Es fühlt sich möglich an.

Und heute? Symbol pur! Nuraghen sind mehr als Relikte, sie sind das Wahrzeichen Sardiniens:

  • Auf Logos, Schulbüchern, Straßenkarten
  • In Tourismus-Kampagnen
  • Als starkes Symbol für die sardische Autonomiebewegung

In ihrer Form spiegelt sich Stolz und Widerstandskraft. Und auch ein bisschen Trotz gegen das Vergessen. Wer eine Nuraghe betritt, betritt nicht nur ein Gebäude, sondern ein anderes Zeitgefühl.

Apropos geheimnisvolle Orte: Nicht weit von vielen Nuraghen findest du auch die rätselhaften Domus de Janas, uralte Felsgräber, die laut Legende von Feenwesen bewohnt wurden. Lies hier mehr über die Domus de Janas – Sardiniens Feenhäuser im Fels.

Dunkler Gang im Inneren einer Nuraghe mit Lichtöffnung am Ende
Der Blick durch den engen Gang einer Nuraghe zeigt die beeindruckende Trockenmauertechnik und das geheimnisvolle Lichtspiel im Inneren.

Nuraghen erleben – zwischen Dorfblick und Gänsehaut

Ich trete ein. Es riecht nach kaltem Stein. Es hallt. Kein Souvenirshop, kein WLAN, nur Zeit in Stein. Und dann: ein Lichtstrahl von oben, fast wie bestellt. Für einen Moment bin ich nicht mehr in der Bronzezeit. Ich bin mittendrin.

Vier Nuraghen, die bei mir ein besonderes Gefühl ausgelöst haben:

Su Nuraxi (Barumini)

UNESCO-Welterbe. Ich war zuerst skeptisch („zu touristisch?“), aber dann erzählt mir der Guide, dass man noch 50 cm tiefer graben müsste, weil da vermutlich eine ältere Nuraghe unter der Nuraghe liegt. Mindestens 3.000 Jahre Geschichte gestapelt.

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Archäologisches Ruinenfeld der Nuraghe Su Nuraxi mit zahlreichen Steinstrukturen
Su Nuraxi: Größte Nuraghe Sardiniens sowie UNESCO-Welterbe. Hier verschmelzen Architektur, Zeitgeschichte & Archäologie zu einem überwältigenden Gesamtbild.

Santu Antine (Torralba)

Du steigst innen auf und plötzlich stehst du oben auf dem Turm, schaust über die ganze Nuraghenebene. Und dann merkst du: Der nächste Turm dort hinten? Sichtlinie. Alles geplant.

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Nuraghe Arrubiu (Orroli)

Der „rote Riese“. Fünfturm-Anlage, überwuchert von Natur, aber voller Kraft. Eisenoxid hat den Basalt rötlich gefärbt. Es sieht aus, als glühe er innerlich. Gänsehaut pur.

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Nuraghendorf Santa Cristina (Paulilatino)

Hier findest du nicht nur eine Nuraghe, sondern ein ganzes Bronzezeit-Dorf mit Hütten, Versammlungsplätzen und einem genial gebauten Brunnenheiligtum, das noch heute den Sternenhimmel spiegelt. Besonders magisch bei Tagundnachtgleiche, wenn das Licht exakt die unterirdische Treppe trifft.

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Traditionelles Nuraghendorf mit Olivenbäumen und alten Steinhäusern
Das Nuraghendorf Santa Cristina lädt zum Verweilen ein zwischen Geschichte, Natur und alten Ritualstätten.

Geheimtipps abseits der Massen

Nuraghe Oes (Giave)

Fast vergessen, aber großartig erhalten. Mitten im Nirgendwo. Bring ein Picknick mit und genieße die Ruhe für ein paar Minuten.

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Nuraghe Ola (Talana)

Hoch über der Ogliastra, mit Blick bis zum Meer. Fast immer allein dort.

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Enger, steiniger Abgang in einer Nuraghe auf Sardinien
Enge, Dunkelheit, Gänsehaut: Dieser Gang könnte aus einem Mythos stammen. Viele Nuraghen bergen noch unerforschte Gänge wie diesen.

Mein Fazit: Eine Tür zur sardischen Seele und ein ungelöstes Rätsel

Die Nuraghen stellen Fragen, aber sie antworten nicht. Sie flüstern dir zu, wenn du sie betrittst und lassen dich dann mit deinem Kopfkino allein.

Ich erinnere mich an einen Moment in der Nuraghe Santa Cristina. Ich stand allein im Turm, es war windstill, nur das leise Tropfen aus dem Brunnenheiligtum war zu hören. Kein Ton, kein Mensch, kein Handyempfang.
Und plötzlich: dieses Gefühl, als würde da noch etwas sein. Etwas, das bleibt, auch wenn du gehst.

Nuraghen sind keine Sehenswürdigkeiten. Sie sind Begegnungen mit Zeit. Mit alten Fragen. Mit deinem eigenen Staunen. Ob sie Tempel waren oder Wachtürme, wer weiß. Vielleicht liegt das Geheimnis genau darin, dass sie sich nicht in eine Schublade stecken lassen. Nicht von Archäologen. Nicht von uns.

Was bleibt und was du hinterlässt

Du kannst viel mitnehmen von einer Nuraghe: Gänsehaut, Demut, Perspektive. Aber bitte lass etwas zurück: Respekt. Achtsamkeit. Und vielleicht auch ein bisschen Verantwortung.

Wenn du willst, kannst du dich engagieren: Ob durch digitale Kartierung, lokale Führungen, Spenden an Erhaltungsvereine oder einfach, indem du mit anderen teilst, wie besonders dieser Ort war.

Du willst noch tiefer in Sardiniens Geschichte eintauchen? Stöbere durch weitere spannende Einträge im Sardinien-Lexikon.

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